Buchtipp

Der Score – C. Thi Nguyen
Verlag C.H. Beck (ISBN 978 3 406 84414 0)

Gegen den Strom – und ein wohltuender Kontrast zum eher düsteren Menschenbild

„Wir jagen dem nach, was leicht zu zählen ist - und nicht dem, was zählt.“ Der Philosophie-Professor C. Thi Nguyen nimmt uns in seinem Werk „Der Score“ mit zum Spielen. Es geht viel um Brett- und Computerspiele, um Basketball und vor allem um das Klettern. Dem Reiz im Spiel und Spielen, den damit verbunden Möglichkeiten, kreativ zu werden, den Prozess zu gestalten, Regeln zu deuten und auch zu dehnen, stellt er die bürokratische Welt außerhalb der Spiele gegenüber: Die Welt, in der wir leben und in einem überraschend hohen Maße durch Metriken aller Art beeinflusst werden. In zahlreichen Alltagsbeispielen – vom Kochen nach Rezept, Kaufentscheidungen für Kühlschränke über Beurteilungen von Studenten bis hin zu medizinischen Entscheidungen – führt uns der Autor verständlich und leidenschaftlich vor, wie „Punktesysteme“ funktionieren, welche Auswirkungen sie auf unser Leben und Wirken haben und welchen Preis wir für die Messbarkeit zahlen. Im Kern geht es um das Ignorieren von Nuancen und Variationen, den Verlust von Freude am Prozess und Qualität durch eine übertriebene Fokussierung auf das Ergebnis. Der Horizont verengt sich, Kultur und Werte bleiben auf der Strecke („Wertekollaps“) – paradoxerweise beschleunigt durch unsere globalisierte und digitale Welt, die eigentlich das Gegenteil verspricht.

„Der Score“ ist ein starkes, irritierendes Buch, welches viele Hintergründe im Spannungsfeld von Transparenz und Überwachung erläutert (Was sind Regeln und wie entstehen sie? Was sind Werte und wie funktioniert die „Autorität der Standardisierung“?) und uns ermutigt, der offenbar allgegenwärtigen Vermessung etwas entgegenzusetzen. Im Sinne der Vielfalt und Schönheit, der Kreativität und sogar der Demokratie. Mit der Einladung zu einem erhellenden Perspektivwechsel ist allerdings nicht das Versprechen einer einfachen Lösung verbunden. Dies führt überraschend und ehrlich zu zwei unterschiedlichen Fazits des Autors. „Es gibt einfach zu viel Welt“, um sie überblicken und verstehen zu können. Metriken sollen uns helfen, die Welt beherrschbarer, überschaubarer und effizienter zu machen. Der Score ist ein Plädoyer dafür, es den Kräften dahinter – Staaten, Konzerne, Medien,… – nicht zu leicht zu machen.

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